|
2d) Sábado 14:00 - 17:00 Florian Borchmeyer (Dokumentarfilmer und Romanist, Berlin)
“Dokumentarfilm in Kuba – Utopie vs. Realität”
Inhalt
Die Geschichte der Kubanischen Revolution ist auch eine Geschichte des
kubanischen Dokumentarfilms. In der vorausgehenden Zeit der Republik
spielten nicht-fiktionale Filme kaum eine Rolle – allenfalls zu
touristischem Zweck. Dagegen erkannte der Kreis um Fidel
Castro die Bedeutung des Mediums bereits früh. Zu weltweiter
Bekanntheit gelangte die Revolution zuallererst durch Dokumentarfilme.
Bis heute gehören sie zu den berühmtesten bewegten Bildern
aller Zeiten: Fidel und Che in der Sierra Maestra; die bärtigen
Guerrilleros bei ihrem siegreichen Einzug in Havanna. Bald darauf
entwickelten die legendären Wochenschauen des kubanischen
Filminstituts ICAIC unter Santiago Álvarez ein eigenes
filmisches Genre. Es verband journalistische Berichterstattung mit
kreativen Formen, experimentellen Film- und Schnittechniken. Selbst der
politische Propagandaspot entwickelte sich zu einer eigenen
künstlerischen Kurzform. Der Dokumentarfilmer und Romanist Florian
Borchmeyer präsentiert in seinem Workshop anhand von
ausgewählten Filmbeispielen eine kleine Geschichte des kubanischen
Dokumentarfilms unter besonderer Berücksichtigung seiner
Blütephase, dem Jahrzehnt nach 1959. Schwerpunkt wird dabei das
Werk eines Autors sein, der sowohl in Cuba als auch international heute
fast unbekannt ist: Nicolás Guillén Landrián.
Grund für dies Vergessen: sein künstlerisches Spiel mit den
etablierten Formen machten ihn als Filmautor für die Machthabenden
untragbar. So etwa war sein meisterhafter Kurzfilm „Coffea
Arábiga“ (1968) als Propagandafilm für die Steigerung
der Kaffeeproduktion in Auftrag gegeben worden. Doch statt
Einpeitschparolen bot er ein fast abstraktes experimentelles Kunstwerk,
und noch dazu zeigte er Fidel Castro zu den Klängen des
Beatles-Songs „The Fool on the Hill“ – ein Tabubruch.
Der Film wurde umgehend aus dem Verkehr gezogen, sein Autor, obwohl
Neffe des berühmten Staatsdichters Nicolás Guilén,
von der Geheimpolizei verhaftet. Dabei war sein gesamtes vorliegendes
Werk aus 13 Dokumentarfilmen komplett innerhalb der Strukturen des
kubanischen Filminstituts produziert worden. Durch die Figur Guillen
Landriáns ist ein tragisches Paradox aufzuzeigen: der kreative
Dokumentarfilm wurde in Cuba erst von der Revolution ermöglich -
aber von ihr auch zugleich wieder zerschlagen. Seine Geschichte ist
auch die seiner Zensur, von den ersten Tagen seiner Existenz an.
Eine Politik, die bis heute andauert, wie auch Florian Borchmeyer
eigener Dokumentarfilm „Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu
bauen“ zeigt, der in Cuba seit seiner Entstehung 2006 verboten
ist.
|