Kolumbien: Vom Failing State zum Rising Star?


















 
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Hintergrund



Kolumbien, jenes Land, mit dem in der weltweiten Wahrnehmung jahrzehntelang politische Instabilität, Gewalt und Drogen verknüpft waren, scheint sich in den letzten Jahren gewandelt zu haben. Zum einen ist Kolumbien unter der Regierung Uribe deutlich sicherer geworden: Die AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) demobilisierten sich, die älteste Guerillabewegung Lateinamerikas, die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), wurde militärisch und politisch geschwächt und die Zahl der Entführungen ging deutlich zurück.
Zum anderen vervierfachten sich seit 2002 die ausländischen Direktinvestitionen, gleichzeitig stiegen die Exporte um 175 Prozent. Die Weltbank hält das Investitionsklima in Kolumbien für eines der besten auf dem Subkontinent. Die Bank HSBC zählt das Land mit Indonesien, Vietnam, Ägypten, der Türkei und Südafrika zum Club der CIVETS, „der aufstrebenden, viel versprechenden Schwellenländer der zweiten Garde“ (Die Welt, 07.08.2010; vgl. auch Newsweek, 04.06.2010; Reuters, 27.04.2010). In Einklang damit hat sich die politische Reputation Kolumbiens auf dem Parkett der internationalen Beziehungen deutlich verbessert, so dass das Land mittlerweile laut der kolumbianischen Zeitschrift Semana (16.04.2011) als „Schwergewicht“ in Lateinamerika wahrgenommen wird. Selbstbewusst kommunizieren Präsident Juan Manuel Santos und sein Vorgänger Álvaro Uribe Vélez, Kolumbien sei vom „Failling State“ zum „Rising Star“ gereift (s. bspw. Semana 21.01.2011).
Diesen positiven Entwicklungen im politischen und ökonomischen Bereich steht insbesondere die gravierende Situation der Menschrechte gegenüber. Kolumbien zählt nach dem Sudan die höchste Zahl an Binnenflüchtlingen, weist eine der höchsten Quoten an Gewerkschaftsmorden weltweit auf und die achtjährige Amtszeit des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez war bei allen vermeintlichen Erfolgen von Unregelmäßigkeiten begleitet. Zu nennen wäre insbesondere der Skandal der „parapolítica“ sowie die geheimdienstliche Überwachung von nationalen und internationalen Oppositionellen und Menschenrechtsorganisationen im Rahmen der sogenannten „chuzadas del DAS“.
Dies zeigt: Kolumbien ist ein Land voller Gegensätze, die sich ökonomisch, sozial und politisch durch das Land ziehen. Diese Spaltung setzt sich bis in die (deutschsprachige) Kolumbien-Forschung fort, insbesondere in der Sozial- und Politikwissenschaft, die sich von vielerlei Seiten dem „Fall Kolumbien“ genähert hat. Dies hat nicht zuletzt dazu geführt, dass die politikwissenschaftliche Grundannahme von Staat und Staatlichkeit generell hinterfragt wurde. Eine Vielzahl von AutorInnen beschäftigt sich daher mit Kolumbien als „Failed State“, in dessen Machtvakuum sich nicht-staatliche Gewaltakteure etablieren konnten und zur Destabilisierung des Staates beitragen. Andere AutorInnen verweisen darauf, dass die paramilitärischen Gruppierungen nicht als vom Staat losgelöster Akteur betrachtet werden können, sondern vielmehr dass ihrer Existenz eine bewusste Stimulation durch politische und ökonomische Akteure zugrunde liegt.

Die Tagung „Kolumbien: Vom Failing State zum Rising Star? – Ein Land zwischen Wirtschaftswunder und humanitärer Krise“ beschäftigt sich daher einerseits mit den zivilgesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Ursachen des Konflikts auf nationaler und internationaler Ebene. Ziel ist dabei, ein umfassendes und ausgewogenes Bild der komplexen politischen, sozialen und ökonomischen Realitäten zu eruieren und zu vermitteln. Darüber hinaus sollen einige in der Wissenschaft umstrittene Punkte tiefergehend beleuchtet werden.