Kolumbien: Vom Failing State zum Rising Star?
















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Dr. Stefan Khittel
Stefan KhittelDr. Stefan Khittel ist Affiliated Researcher am oiip, Wien.  (Österreichisches Institut für Internationale Politik) wo er u.a. zur Politik der Kultur neuer sozialer Bewegungen in Kolumbien forscht und lehrt.  Er absolvierte mehrjährige Forschungsaufenthalte in Kolumbien und auf den Philippinen. Im Jahr 2000 war er Gastforscher am Centro de Estudios Sociales (CES) der Universidad Nacional in Bogota, Kolumbien, 2001 und 2004 Gastforscher am Instituto Colombiano de Antropología e Historia (ICANH) in Bogota.

  stefan.khittel[at]oiip.ac.at


Workshop: Eine andere Welt ist möglich - Workshop zu Sozialen Bewegungen in Kolumbien
Leitung: Dr. Stefan Khittel

Das Weltsozialforum (WSF) gilt als einer der Orientierungpunkte für Soziale Bewegungen im globalen Süden. Boaventura de Sousa Santos und Arturo Escobar sind zwei Verteidiger der Position, dass eine andere Welt nicht nur eine utopische Wunschvorstellung sei, sondern schon jetzt verwirklicht werden könne. Beide haben viele ihrer organisatorischen Erfahrungen im kolumbianischen Kontext gemacht, was insofern erstaunlich ist, weil Kolumbien über ein halbes Jahrhundert institutionell zwar immer eine Demokratie geblieben ist, jedoch die Menschenrechtslage nicht besser – oder manchmal noch schlimmer – war als in den von Militärdiktaturen gebeutelten Staaten Lateinamerikas. Kolumbien ist zugleich eines der wenigen Länder Südamerikas, wo linke Parteien oder Bewegungen in den letzten zwei Jahrzehnten nie an die Macht gekommen sind.

Dennoch haben soziale Bewegungen bemerkenswerte Erfolge aufzuweisen. Ab den 1970er Jahren waren die Indigenen Organisationen Kolumbiens, wie beispielsweise der CRIC, unter den ersten, die die Rechte der Indigenen gegenüber dem Staat mit Nachdruck und teilweise auch mit Erfolg vertreten haben. Auch die Kleinbauern (campesinos) kämpften in Kolumbien für ihre Rechte. Gleichzeitig waren (und sind noch) mehrere Guerillaorganisationen aktiv, die ebenso wie Kleinbauern und Campesinos eine Agrarreform einfordern. Die Polizei und das Militär untedrückten brutal alle diejenigen sozialen Bewegungen, die auch nur im entferntesten mit dem Marxismus in Verbindung gebracht wurden. Zu jener Zeit organisierten sich zunehmend die Frauen für ihre Rechte und wenig später ethnische Gruppen wie die Afrokolumbianer (Afrodescendientes), Menschenrechtgruppierungen, aber auch religiöse Minderheiten, vor allem evangelikale Gruppierungen und auch die Muslime. Die Verfassung von 1991 hat viele dieser Forderungen zumindest auf der legalen Ebene umgesetzt. Heute zählen selbst Umweltschutzgruppen zum Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen. Alle diese Bewegungen teilen das Streben nach Veränderung, nach Transformation der ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse.

Spätestens seit der Regierungszeit Uribes versucht der Staat, die Sozialen Bewegungen nicht nur bekämpfen oder schlichtweg zu ignorieren, sondern versucht sie aktiv an den Staat zu binden und zu kooptieren; ein Ansatz, der seit dem in den 1960er und 1970er Jahren gescheiterten Versuch die Kleinbäuerliche Bewegung staatlicherseits zu lenken, wenig Nachahmer gefunden hatte. Unter Uribe wurde daraus der komunitaristische Staat und die Kooptierung gleichsam als Zwang zur Kooperation verstanden. Die Regierung Santos setzt heute das gelindere Mittel der Unidad Nacional ein, jedoch zum selben Zweck. Der Freiraum für die Sozialen Bewgungen wird dadurch deutlich eingeschränkt. Die Frage jedoch bleibt, wie diese andere Welt, die als Vision bereits vorhanden ist, erreichbar ist, aber auch wie diese andere Welt aussehen soll.