Kristofer Lengert
Kristofer Lengert studierte Politikwissenschaften und
ist derzeit Referent des Informationsbüro Nicaragua. Seit 2002
engagiert er sich für die Kolumbienkampagne. Als
Menschenrechtsaktivist begleitete er vor Ort die Arbeit von
Menschenrechtsgruppen und Gewerkschaften. In diesem Zusammenhang
veröffentlichte er eine Reihe von Texten über die
Menschenrechtssituation, paramilitärische Gewalt und die
Transformation paramilitärischer Strukturen in Kolumbien.
kristoferlengert[at]yahoo.com
Vortrag: Strukturen paramilitärischer Gewalt
Paramilitarismus in Kolumbien: Terrorsysteme zur Herrschaftssicherung
Referent: Kristofer Lengert
Die Gründung und der Aufbau der paramilitärischen
Verbände wurde von staatlichen (politischen und
militärischen) Akteuren mit Unterstützung von
Großgrundbesitzern und im Bündnis mit Drogenkartellen
durchgeführt. Jeder der beteiligten Akteure integrierte die
eigenen Interessen in die gemeinsame Koalition. Die Funktion
paramilitärischen Terrors diente dabei nicht nur der
Aufstandsbekämpfung und der Zerschlagung von Guerillastrukturen.
Systematisch kamen staatlich protegierte paramilitärische
Todesschwadronen zum Einsatz, um infrage gestellte Autorität
wieder herzustellen, Gewerkschaften und politische Bewegungen
auszuschalten, private wirtschaftliche Interessen durchzusetzen,
Drogenrouten zu schützen und den Landbesitz zu sichern oder zu
vergrößern. Ein bedeutender Teil der politischen Elite hatte
sich mit Paramilitärs eingelassen. Diese hatten in viele
strategische Sektoren eingegriffen, um sich selbst, der Staatsmacht,
den Großgrundbesitzern, den Drogenbaronen oder der
Großindustrie Ressourcen sichern. Innerhalb von zwanzig Jahren
vollzog sich eine humanitäre Katastrophe. Mehr als vier Millionen
Menschen wurden gewaltsam von ihrem Land vertrieben. Mit
unbeschreiblicher Gewalt wurden Massaker an der Zivilbevölkerung
verübt, zehntausende Menschen wurden verschleppt und ermordet. Zu
Tausenden wurden Aktive in Gewerkschaften, Menschenrechtsgruppen,
sozialen Organisationen und linken Parteien Opfer von tödlichen
Attentaten.
Der kolumbianische Paramilitarismus dient der Durchsetzung und
Kontrolle von Herrschaft. Die Implementierung von
paramilitärischen Herrschaftsstrukturen in verschiedenen Regionen
des Landes durchlief dabei verschiedene Phasen: Nach der Zerschlagung
der Guerilla wurden die sozialen Organisationsstrukturen der
(vermeintlich widerständigen oder illoyalen) Bevölkerung
vernichtet. Dies ging einher mit einer brutalen Inszenierung von Terror
und Gewalt. Es folgten durch soziale Kontrolle und flankiert von einem
rigorosen extralegalen Strafsystem die Reorganisation der Gemeinschaft
und die Ausbildung akzeptierter und anerkannter Vorherrschaft der
Paramilitärs. In ihren Herrschaftsräumen wurden sie Patron
und Arbeitgeber, kontrollierten die lokalen Märkte, das
Transportwesen, private Sicherheitsdienste und die
Arbeitsvermittlungsagenturen.
Mit der Demobilisierung der Paramilitärs in der Amtszeit von
Präsident Alvaro Uribe Velez wurde ein umfassender
Transformations- und Legitimierungsprozess paramilitärischer
Strukturen in Gang gesetzt. Doch weder der paramilitärische Terror
noch die dahinterstehenden Strukturen sind nach der Demobilisierung
verschwunden.
In meinem Vortrag werde ich die historischen und gegenwärtigen
Erscheinungsformen des Paramilitarismus in Kolumbien skizzieren. Anhand
von Beispielen aus Medellin, Barrancabermeja und der Region des
Mittleren Magdalena werde ich aufzeigen, wie die Durchsetzung
paramilitärischer lokaler Herrschaftsräume verlief, und
welche Funktion die Inszenierung von Terror bei der Gefügigmachung
und Reorganisierung der lokalen Bevölkerung innehatte. Anhand des
Verlaufs des Demobilisierungsprozesses der paramilitärischen AUC
und der Enthüllungen der sogenannten Parapolitica werde ich der
Frage nachgehen, wie weitgehend die Verbindungen zwischen politischen
Repräsentant_innen und paramilitärischen Banden waren bzw.
sind, und abschließend aufzeigen, dass trotz der Auflösung
der großen paramilitärischen Verbände die Strukturen
des Paramilitarismus keinesfalls verschwunden sind.
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