Dr. Peter Rathgeb

Peter Rathgeb studierte Politikwissenschaft und
Soziologie an der Universität Wien mit den Schwerpunkten
internationale Politik und politische Theorien. Im Wintersemester
2002/03 absolvierte er mehrere Kurse am Institut für Philosophie
an der Universidad de la Habana.Es folgten mehrere
Forschungsaufenthalte in Kolumbien, bei denen Anspruch und
Realitäten subversiver Bewegungen in Lateinamerika im Mittelpunkt
standen.
Seine beiden Veröffentlichungen zu diesem Thema sind:
„Die Paramilitärs auf dem Weg zur legalisierten Staatsmacht.
Eine Gesellschaftsanalyse Kolumbiens anlässlich des
Reintegrationsgesetzes ‘Justicia y Paz‘ und anhand der
Staatstheorie Niccolo Machiavellis“, (2006)
„Kolumbien: Leben im Territorium der FARC - ein
Erklärungsversuch über die Geschichte, aktuelle Tendenzen und
lokale Wirklichkeiten der größten Guerilla der Welt“,
(2009)
Peter Rathgeb war von 2007 bis 2009 für die
Anti-Drogen-Behörde der Vereinten Nationen (UNODC) in
Medellín, Antioquia, tätig. Seither arbeitet er für
die Lebensmittelindustrie.
Beim LatiF-Kongress wird Dr. Rathgeb wird den Workshop zum Thema „Die FARC-Guerrilla" halten.
peterrathgeb[at]yahoo.com
Workshop: FARC - aktuelle Tendenzen und lokale Wirklichkeiten
Leiter: Dr.Peter Rathgeb
Im lateinamerikanischen Vergleich fühlen sich kolumbianische
StaatsbürgerInnen in den letzten Jahren wieder "deutlich sicherer"
verglichen mit den Bewohnern Ihrer Nachbarstaaten. Zu diesem Ergebnis
kam in dieser Woche die Corporación Latinóbarometro, eine
NGO mit Sitz in Santiago, die jährlich Einstellungen am
Doppelkontinent zu den wichtigsten gesellschaftspolitischen
Themenbereichen veröffentlicht.
Der Economist veröffentlichte Anfang Juli den Artikel "Security in
Colombia - The FARC is not finished yet" mit einer Skzizze, die die
"Operationsgebiete" der größten Guerilla der Welt
(geschätzte 8.000 - 10.000 Kombattanten) auf die Grenzgebiete des
Andenstaates reduziert.
Beide Einschätzungen, sowohl die allgemein steigende Zufriedenheit
über die verbesserte Sicherheitslage der BewohnerInnen des
Andenlandes als auch die geographische Bewertung der derzeitigen
Aktionsradien der Guerilla-Einheiten, sind nach meinen eigenen
Einschätzungen - zum Großteil gestützt auf Forschungen
mittels Methoden der empirischen Sozialforschung vor Ort - nicht
richtig und zum Teil sehr weit von der Wahrheit entfernt.
Zum einen entstand durch die Zurückdrängung der
Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) in
ländliche Regionen, von wo aus sie heute zum Teil sicherer agieren
können als das früher noch der Fall war, eine Pattsituation
zwischen den Gruppierungen der subversiven Einheiten und den
staatlichen Akteuren. Durch dieses Patt wird die Landbevölkerung
in einer Zwickmühle genommen. Durch die abwechselnde Präsenz
von regulären und irregulären Kombattanten, von denen keiner
eine mittel- bis langfristige Herrschaftsgewalt etablieren kann, werden
Menschen oft in sich stündlich abwechselnden Zwangsepisoden von
unterschiedlichen Akteuren physisch und psychisch eingenommen,
verunsichert, zu Falschaussagen gezwungen, in illegale Geschäfte
wie die Bewirtschaftung illegaler Goldminen, den Drogenanbau und
-handel gezwungen, als eigene Kämpfer rekrutiert, entführt,
gefoltert und oftmals gnadenlos massakriert. Deshalb müssen
wir, gerade aufgrund der Ergebnisse der letzten Jahre im Kampf gegen
die Guerilla, einen erhöhten Grad der Verunsicherung in der
Zivilbevölkerung konstatieren. Die permanenten Wechsel der
unterschiedlichen Autoriätssysteme und deren Codes vor Ort sind
heute vorprogrammiert.
Zum anderen lässt sich dieses Phänomen eben nicht "nur" auf
die geographische Peripherie des Staatsgebietes beziehen, sondern
umfasst gerade die Kernregionen, wie z.B. Antioquia, das Departement,
das sich von der Atalantikküste bis Zentralkolumbien erstreckt.
Wir können vielmehr von einer "Peripherie" im Sinne des
Stadt-Land-Gefälles ausgehen. Es sind die ruralen Landkreise in
einem Großteil des Landes von subversiven Gruppierungen
betroffen.
Auch die quantitativen Angaben über die Truppenstärke der
Revolutionären Streitkräfte, die sich schlussendlich meistens
auf Regierungsangaben stützen, sind verglichen mit den Ergebnissen
meiner eigenen persönlichen Erfahrungen, eher fraglich. In den
Dörfern, die ich in meinen drei Jahren als UNODC-Mitarbeiter vor
Ort näher kennen lernen durfte, gehörten Werte der Befragten,
die dreimal über jenen der Regierung lagen, der Normalität an.
Gerade solche gegensätzlichen Ergebnisse sind oft auch das
Resultat sich ständig verändernder, lokal unterschiedlicher
Wirklichkeiten. Dies gilt auch, und vor allem im Augenblick, für
die FARC. Aktuelle Tendenzen sind oft sehr vielschichtig beeinflusst
und deshalb nur begrenzt wahrzunehmen. Was macht "die FARC" derzeit?
Was sind ihre lokalen Verhaltensmuster und wo treten sie auf? Welche
Motivation prägt ihre Mitglieder und welches Ziel verfolgen sie
zur Zeit? Gibt es überhaupt ein solches gemeinsames Ziel? Was hat
sich im Laufe der Zeit verändert? Wie beeinflussen die gezielten
Tötungen mehrerer Führungskräfte der FARC über die
letzten Monate und Jahre hinweg diese Gruppierung? Wie ist die
Entstehung dieser Guerilla und deren kontinuierlicher
Territoriumsgewinn bis Ende der 1990er-Jahre im Vergleich zu den
heutigen Aktionsradien einzuordnen? Steht heute die Möglichkeit
zur Rehabilitierung über der Möglichkeit zu expandieren? Mit
welchen anderen illegalen oder legalen Gruppierungen überschneiden
sich die Aktionsradien der FARC? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich
durch den Rückzug auf die ruralen Gebiete? Gibt es eine
Möglichkeit auf Frieden und warum scheiterten diese bis jetzt? Was
kann die Zukunft bringen im Kontext der geopolitischen Interessen der
Akteure in der Andenregion? Das alles sind Möglichkeiten für
Fragen, auf die wir gemeinsam bei der Zusammenkunft in gut zwei Monaten
Antworten andenken und während des Workshops ausarbeiten
können.
Die mittlerweile fast 50-Jährige Gruppierung FARC ist eher ein
Konglomerrat aus vielen selbstständig agierenden
Splittereinheiten, das nach sämtllichen Schlägen gegen die
eigene Führungsriege, zahlreiche Verluste von Kombattanten im
Kampf und aufgrund von Überläufen, in einem neuen Aktionsfeld
angekommen scheint, das neben den Einkommensquellen Entführungen
auch immer direktere Verstrickungen in den Drogenanbau und -handel und
die Ausbeutung illegaler Goldminen umfasst. Auch die Mittel der
sogenannten "vacuna", also Schutzgeldforderungen, die in Naturalien wie
Weidevieh an die subversiven Bewegungen abgetreten werden müssen,
wurden in den letzten Jahren verschärft. Politische Versammlungen
wurden weniger wichtig. Die Bewahrung des eigenen Territoriums und die
Bekämpfung anderer irregulärerer und regulärer
Einheiten, ohne Rücksicht auf zivile Opfer, steht im Vordergrund.
Gerade viele neue und lokal sehr unterschiedliche Entwicklungen sind
der Grund dafür, weshalb wir diese subversive Bewegung immer
wieder aufs Neue bewerten müssen und weshalb solche
wissenschaftlichen Auseinandersetzungen besonderen Wert haben.
Weniger geprägt von einem post-modernen Ansatz ist meine erste
einführende Recherche-Empfehlung, die den Anfang einiger
nicht-systematisch ausgewählter Quellenangabe bildet, deren
Durchsicht in Vorbereitung auf den Workshop sinnvoll wäre. Die
Hardfacts zum kolumbianischen Bürgerkrieg liefert der Think Tank
International Crisis Group http://www.crisisgroup.org/.
Eine bahnbrechend gute Übersicht liefert meiner Meinung nach das
UNDP mit seiner Veröffentlichung callejon con salida, zu finden
unter: http://usregsec.sdsu.edu/docs/UNElConflicto.pdf (auf spanisch). Auch das UNODC liefert auf englisch und spanisch unter http://www.biesimci.org/ (manchmal leider "in Arbeit") und http://www.unodc.org/colombia/es/simci/publicaciones.html
Studien über die Zusammenhänge zwischen subversiven
Gruppierungen, Gewalt, den Drogenanbau und -handel. Die
einschlägigen deutschsprachigen Kolumbien-Arbeiten der hiesigen
Lateinamerikanisten ist wahrscheinlich bekannt. Alleine aus dem Pool
der TeilnehmerInnen am LATIF-Kongress ergeben sich schon sehr viele
Möglichkeiten, an vielfältige Quellen zu kommen. Meine eigene
ausführliche Arbeit "FARC: Leben im Territorium der FARC. Ein
Erklärungsversuch über die Geschichte, aktuelle Tendenzen und
lokale Wirklichkeiten der größten Guerilla der Welt"
erschien 2009 an der Universität Wien.
|
 |