Dr. Sven Schuster
Dr. Sven Schuster studierte
Geschichte Lateinamerikas, Wirtschaftsgeschichte und
Latein-amerikanistik an der Katholischen Universität
Eichstätt-Ingolstadt, wo er 2008 zum Thema "Die Violencia in
Kolumbien: verbotene Erinnerung? Der Bürgerkrieg in Politik und
Gesellschaft, 1948–2008" promovierte. Die Arbeit wurde zweifach
prämiert. Seit 2008 ist Dr. Schuster wissenschaftlicher
Mitarbeiter an der Professur für Geschichte Lateinamerikas in
Eichstätt und forscht dort seit Oktober 2011 als
DFG-Projektbearbeiter zu Brasilien ("Fortschrittlich, zivilisiert,
weiß": Ausstellungskultur, nationales Selbstbild und Rassediskurs
in Brasilien, 1861–1929).
s.schuster[at]ku-eichstaett.de
Workshop: "Gerechtigkeit und Frieden"? Geschichts- und Vergangenheitspolitik in Kolumbien
Leiter: Dr. Sven Schuster
Mit dem Erlass der Ley de Justicia y Paz (2005) sowie der Ley de Víctimas y de Restitución de Tierras
(2011) unternimmt Kolumbien gegenwärtig den Versuch, zumindest
einen Teil der bewaffneten illegalen Akteure zu demobilisieren, diese
in die Gesellschaft zu integrieren so-wie die Opfer des Binnenkonflikts
zu entschädigen. Ebenso wie vorangegangene Versuche, die
politische Gewalt mittels Kommissionen, Amnestien oder Pakten zu
beenden, stehen jedoch auch diese jüngsten Maßnahmen im
Kreuzfeuer der nationalen und internationalen Kritik. Obwohl die
Regierung beteuert, dass es keine generelle Amnestie geben werde und
die Opfer geschützt seien, sind bislang nur sehr wenige
Gewalttäter im Rahmen von Justicia y Paz verurteilt worden, wohingegen zahlreiche Kläger ermordet wurden.
Wesentlich schwerer als das
institutionelle und juristische Versagen wiegt jedoch die Tatsache,
dass die strukturellen Ursachen des Konflikts, dessen Ursprünge
bis in die 1940er Jahre des 20. Jahrhunderts reichen, nicht angetastet
bzw. thematisiert werden. In der Arbeit der so genannten Comisión Nacional de Reparación y Reconciliación
spielen etwa Ursprung und Selbstbild der linksgerichteten
Guerillagruppen oder die einschneidende Epoche der Violencia
(1946–63) so gut wie keine Rolle.
Ziel dieses Workshops ist es anhand
einiger Dokumente und Quellen die Möglichkeiten und Grenzen der
Vergangenheitspolitik in Kolumbien auszuloten. Darüber hinaus
sollen jedoch auch die politischen und historischen Diskurse beleuchtet
werden, in deren Kontext der Versuch einer Aufarbeitung der
problematischen Vergangenheit stattfindet. Es geht folglich um das
deutlich breitere Feld der "Geschichtspolitik" (Edgar Wolfrum), welches
den Bereich der Vergangenheitspolitik mit einschließt.